Während andere Länder zur Kettensäge greifen, diskutieren wir noch über die Gebrauchsanweisung.

Mein Mitgesellschafter bei SIRIS® Systeme, der IT-Spezialist Jürgen Mario Baur, ist derzeit mit seiner Familie auf Weltreise. Dank Videokonferenzen bleiben wir im engen Austausch – ganz gleich, ob er sich in Kapstadt, auf Mauritius, in Indien, Sri Lanka, Thailand, Indonesien, Australien, Neuseeland oder Kanada befindet. Die technische Distanz ist klein geworden; die mentale Distanz vieler Länder zu Deutschland hingegen scheint zu wachsen.

Noch vor vierzehn Jahren war Deutschland auf seinen Reisen ein Land, dem man mit unverhohlener Bewunderung begegnete. „Germany – very strong, very good cars“ war ein Satz, den er häufig zu hören bekam. Heute nimmt der wahr, dass sich der Ton verändert hat. Statt Anerkennung begegnet ihm vielerorts Verwunderung – gelegentlich auch Kopfschütteln:

Salzverbote und in der Folge Knochenbrüche wegen Glatteis?
Kein Öl und kein Gas, stattdessen Parolen von „wir haben alles im Griff auf dem sinkenden …“?
Angeblich ungeklärte Zerstörung kritischer Infrastruktur in der Nordsee? Und: Rentner, die Flaschen sammeln müssen?

Das Ausland beobachtet uns, mehr als wir vermuten. Ob diese Wahrnehmungen im Detail zutreffen und repräsentativ sind, ist beinahe zweitrangig. Warum? Entscheidend ist das Bild, das sich allmählich überall verfestigt. Und dieses einst starke Bild hat sichtbar Risse bekommen. Ein Image aufzubauen, dauert Jahre – es zu zerstören, geht über Nacht.

Und ja, das internationale Ansehen Deutschlands scheint spürbar gesunken zu sein. Mitunter entsteht der Eindruck, als fehle nur noch ein leiser Nachsatz: „Germany, oh dear – I’m sorry for you.“

Selbst das einstige Aushängeschild „Made in Germany“ verliert an Strahlkraft. Deutsche Automobile, lange Inbegriff von Ingenieurskunst und Verlässlichkeit, gelten mancherorts nicht mehr als kühl begehrenswert, sondern als teuer und technologisch nicht länger unangreifbar. Der Nimbus beginnt wahrnehmbar zu bröckeln.

Währenddessen schreiten viele Schwellenländer mit bemerkenswerter Geschwindigkeit voran. Es wird gebaut, digitalisiert, investiert. Zukunft erscheint dort weniger als Bedrohung, denn als Versprechen. Mitunter drängt sich das Bild zweier Züge auf demselben Gleis auf – nur dass sie sich aus entgegengesetzten Richtungen nähern.

Auch die politischen und gesellschaftlichen Prioritäten unterscheiden sich deutlich. ESG-Kriterien spielen in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften lediglich eine Nebenrolle. Der Export klimapolitischer Normative erweist sich dort häufig als wirkungslos; statt Zustimmung erhält man nicht selten bloße Lippenbekenntnisse. Wachstum und steigender Wohlstand genießen andernorts Vorrang. Moralische Sendungsansprüche stoßen daher auf Skepsis – besonders dann, wenn sie mit wirtschaftlicher Selbstbeschränkung verbunden sind.

Auffällig ist zudem, mit welcher Nüchternheit viele dieser Staaten ihre außenpolitischen Beziehungen austarieren und es vermeiden, sich mit sämtlichen Großmächten zugleich zu überwerfen. Wer die Nähe zu geopolitischen Machtzentren sucht, verzichtet auf demonstrative Konfrontation. Strategische Klarheit ersetzt dort häufig moralische Lautstärke.

Und die Angst vor der Erderwärmung? Sie ist keineswegs überall das dominierende Narrativ. In manchen Regionen überwiegt eine pragmatische Perspektive: längere Vegetationsperioden, höhere Erträge, neue wirtschaftliche Chancen. Auch das gehört zur globalen Wirklichkeit.

Unseren nordeuropäischen Weg muss man sich leisten können.

Wenn ein Student in einer betriebswirtschaftlichen Prüfung darlegen würde, eine Unternehmensfinanzierung ließe sich dauerhaft über Schulden in „Sondervermögen“ organisieren, wäre das Ergebnis absehbar. Ob Staaten mit vergleichbaren Konstruktionen langfristig bestehen, entscheidet allerdings kein Prüfer – sondern die ökonomische Realität.

Ob Deutschland mit seiner aktuellen Politik auf internationaler Bühne bestehen wird, bleibt offen. Sicher ist nur: der Reputationsschaden ist längst da.

Vielleicht ist es daher an der Zeit, sich wieder stärker auf jene Qualitäten zu besinnen, die dieses Land einst ausgezeichnet haben: wirtschaftliche Vernunft, technologische Exzellenz, strategische Klarheit und Respekt gegenüber souveränen Staaten – verbunden mit einem gesunden Maß an Selbstvertrauen, das ohne pädagogischen Oberlehrerton auskommt; Fleiß und Disziplin bitte inbegriffen.

“Being mocked is a form of relevance. Being forgotten is the real verdict: ‘Germany — who?’”

Autor: Norbert W. Schätzlein, E-Mail: schaetzlein@siris-systeme.de

Bildquelle: Globus vor Bearbeitung über Hinzufügungen durch den Autor: freepik.com; herzlichen Dank dafür https://de.freepik.com/fotos-vektoren-kostenlos/globus-grafik

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