
Zu Beginn eines Jahres formulieren Menschen Wünsche. Manche bleiben konkret, andere bewusst offen. Drei Begriffe tauchen dabei immer wieder auf, zumindest bei meiner Frau und mir: Freiheit, Frieden und Freude. Sie wirken schlicht, beinahe selbstverständlich. Und genau darin liegt ihr eigentlicher Anspruch: Sie sollten keine Ausnahme sein, sondern Normalität.
Doch der Blick auf den Alltag zeichnet ein anderes Bild.
Wer Zeit im Ausland verbringt und anschließend nach Deutschland zurückkehrt, erlebt häufig einen Bruch, bedrückend spürbar. Die Gesichter wirken angespannt, Gespräche kreisen um Regeln, Pflichten, Sorgen und Risiken. Eine Grundstimmung, die weniger nach Aufbruch klingt als nach Erschöpfung. Nicht selten entsteht der Impuls, möglichst schnell wieder zu gehen.
Wenn Systeme sich verselbständigen
Freiheit, Frieden und Freude geraten dort unter Druck, wo Systeme beginnen, sich von ihrem eigentlichen Zweck zu lösen. Medien, Politik, Verwaltung und Bürokratie sind ursprünglich Werkzeuge – geschaffen, um Orientierung zu geben, Ordnung zu ermöglichen und Zusammenleben zu organisieren.
Problematisch wird es, wenn diese Systeme ein Eigenleben entwickeln.
Wenn sie sich selbst referenzieren.
Wenn sie Deutungshoheit beanspruchen und zugleich Informationen selektiv gewichten, zuspitzen oder ausblenden – versehen mit dem Siegel der angeblichen Bekämpfung von Fake-News.
Wenn Meinungsfreiheit rhetorisch beschworen wird, während zugleich jene Stimmen begrenzt, diffamiert oder ausgeblendet werden, die vom akzeptierten Deutungsrahmen abweichen.
Wenn Zensur nicht mehr als solche benannt wird, sondern als Schutzmaßnahme, Verantwortung oder moralische Pflicht erscheint.
Wenn Absicherung wichtiger wird als Gestaltung.
Wenn Kontrolle Vertrauen ersetzt.
In solchen Konstellationen wird Information durch Rahmung und Framing ersetzt. Nicht mehr eingeordnet, sondern normiert. Der erlaubte Meinungskorridor verengt sich – nicht durch formale Verbote, sondern durch soziale, mediale und institutionelle Sanktionierung.
Dann entsteht ein Klima, in dem Menschen nicht mehr atmen, sondern funktionieren. Nicht mehr gestalten, sondern reagieren. Nicht mehr leben, sondern verwalten.
Die Folge ist kein offener Widerstand, sondern ein schleichender Rückzug. Innere Kündigung gegenüber Politik, Medien und Institutionen. Müdigkeit. Zynismus. Ein Verlust an Leichtigkeit.
Warum der Blick in die Vergangenheit hilft
Die Kenntnis der Vergangenheit ist kein nostalgisches Hobby. Sie ist ein Instrument der Orientierung. Wer historische Zusammenhänge kennt, erkennt Muster – und gewinnt Abstand zum Moment.
Die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen eröffnet mehrere Chancen:
- Mustererkennung: Gesellschaften folgen wiederkehrenden Dynamiken. Überregulierung, Machtkonzentration und Angstnarrative sind keine neuen Phänomene.
- Lernen aus fremden Fehlern: Geschichte zeigt, wohin bestimmte Entwicklungen führen, lange bevor sie kippen.
- Staunen über das bereits Gedachte und Gelebte: Viele Ideen von Freiheit, Gemeinsinn und Selbstverantwortung sind älter und reifer, als man heute vermutet.
- Urteilsfähigkeit: Wer Interessen, Machtachsen und historische Rollen kennt, erkennt besser, wem etwas dient – und wem nicht.
- Langfristiges Denken: Strategien, Narrative und Machtlogiken wirken oft über Generationen hinweg. Kurzfristige Entscheidungen sind selten isoliert.
Vergangenheit relativiert das Jetzt. Sie nimmt der Gegenwart den Absolutheitsanspruch – und genau darin liegt ihre befreiende Kraft.
Freiheit beginnt vor dem System
Freiheit, Frieden und Freude sind gute Worte, lassen sich aber nicht verordnen. Sie entstehen dort, wo Menschen wieder erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat. Wo Verantwortung und Einfluss zusammenfallen. Wo Systeme wieder dienend werden – nicht dominierend.
Vielleicht sind diese drei Begriffe deshalb so präsent:
Weil sie fehlen.
Weil sie erinnert werden wollen.
Weil sie anzeigen, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Der Wunsch nach Freiheit, Frieden und Freude ist kein naiver Jahresanfangsgedanke. Er ist ein präziser Seismograf. Und er stellt eine unbequeme Frage:
Dient das, was uns umgibt, noch dem Menschen – oder dient der Mensch längst dem System?
Autor: Norbert W. Schätzlein, E-Mail: schaetzlein@siris-systeme.de
Bildquelle: KI-Illustration erstellt mit ChatGPT, basierend auf einer konzeptionellen Idee des Autors.
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