Was immer wir wahrnehmen hängt davon ab, welchem Informationsangebot wir ausgesetzt sind bzw. wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Wer selbst schwanger ist, sieht plötzlich überall schwangere Frauen. Wer gerade einen gebrauchten oder neuen Ford gekauft hat, wundert sich wie viele Mitmenschen ebenfalls Ford oder die assoziierten Marken (Jaguar und Rover) fahren.

Eine Art geistiger Filter blendet aus, was außerhalb des eigenen Weltbildes liegt und ist all jenem zugeneigt, das der eigenen Meinung entspricht.

Von Kolumbus erster Begegnung mit „Indianern“ wird berichtet, dass diese die Schiffe auf dem Meer anfangs nicht wahrnehmen konnten, weil es einfach undenkbar erschien.

Widersprüchliche Impressionen zu einem für uns relevanten Sachverhalt lösen sogenannte kognitive Dissonanzen aus. Wir stellen fest, dass hier etwas nicht zusammenpasst. Geistige Anstrengungen über Analysen, Informationsvertiefung, Recherchen und deren Verprobung liegen außerhalb unserer Komfortzone und sind damit wenig attraktiv. Dem gehen wir gerne aus dem Weg.

Für ein in sich abgeschlossenes Weltbild ist jede abweichende Aussage/Information eine Störung und mehr noch ein Angriff auf das Selbstverständnis.

Wurden aus Informationen, Meinungen, aus Meinungen, Überzeugungen und aus Überzeugungen, Ideologien, dann herrscht angenehme Ordnung, leider aber auf Kosten des Weiterdenkens.1

Es gibt vielleicht nur eine Wirklichkeit, aber es gibt so viele Wahrnehmungen wie es Menschen gibt, die dem breiten Spektrum des Informationsangebotes ausgesetzt sind. Und Wahrnehmung ist in erster Linie nehmen, ob sie dann wahr ist, ist eine lange Diskussion.

Die Qualität des Wahrgenommenen und die Intensität des Rüttelns an unserer Aufmerksamkeit steuert Meinungen und Überzeugungen. Und am Ende liegt die Wahrheit im Auge des Betrachters.

Eine zu bestimmten Themengebieten fraktionierte Gesellschaft ist gespalten und steht sich unversöhnlich gegenüber. Der vielbeschworene Brückenschlag und die Vorstellung der Versöhnung sind längst passe. Die stets existierende Wahrheit, in welchem Lager sie auch beheimatet sein mag, ist irrelevant geworden, solange sie nicht das selbsterwählte geistige Exil existentiell bedroht. Dann aber, wenn sich die Wahrheit offenbart und zur Enttäuschung führt, endet die Täuschung. Bisweilen mag es aber dann schon zu spät für uns sein.

Wer unser Weltbild bedroht, ist unser Feind. Eine hundertfach wiederholte Lüge wird zur Wahrheit. Zwar braucht die Lüge auf Dauer die Stütze der Staatsgewalt und nur die Wahrheit steht alleine aufrecht2, aber solange wir auf Seiten der Mehrheit stehen, ist die Welt vollkommen in Ordnung.

Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick hatte also Recht, als er einen unqualifizierten Redebeitrag aus dem Publikum nach einem seiner Vorträge mit den Worten quittierte: „Aus Ihrer Sicht haben Sie vollkommen Recht.“

Autor: Norbert W. Schätzlein, 244 Tage 15 Stunden 6 Minuten 31 Sekunden vor Ende des Blogs zeitfenster.com

1: in Anlehnung an Friedrich Dürrenmatt

2: in Anlehnung an Thomas Jefferson

Bildquelle: Pixabay (von Gerd Altmann)

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