Verantwortung, Haftung und die stille Schieflage unseres Systems

Auf den ersten Blick wirkt alles geordnet. Gesetze regeln das wirtschaftliche Handeln, Zuständigkeiten sind definiert, Verantwortlichkeiten klar benannt. Wer genauer hinsieht – insbesondere auf der Ebene des unternehmerischen Alltags –, erkennt jedoch eine strukturelle Schieflage, die selten offen benannt wird: eine Asymmetrie zwischen Verantwortung und Haftung auf der einen Seite und Macht und Folgenlosigkeit auf der anderen.

Diese Asymmetrie wirkt schleichend, prägt Strukturen und verschiebt Verantwortung – mit weitreichenden Folgen.

Die Mikroebene: Verantwortung unter permanenter Vorbehaltsbedingung

Unternehmer und Geschäftsführer im Mittelstand bewegen sich in einem rechtlichen Umfeld, das durch hohe Komplexität, Detailtiefe und geringe Fehlertoleranz gekennzeichnet ist. Anders als in Konzernen stehen ihnen in der Regel keine spezialisierten Rechts-, Compliance- oder Risikoabteilungen zur Verfügung. Entscheidungen müssen unter Zeitdruck, Informationslücken und wirtschaftlichem Zwang getroffen werden – und dennoch rechtlich einwandfrei sein.

Dabei gilt ein Grundsatz, der in der Praxis weitreichende Folgen hat:
Verantwortung ist persönlich, auch wenn Aufgaben delegiert werden. In der praktischen Anwendung wird dieser Grundsatz durch ein Machtaxiom flankiert: Unwissenheit wird zur individuellen Haftungsquelle.

Besonders deutlich wird diese Verantwortung im Insolvenzrecht. Die gesetzlichen Tatbestände der Zahlungsunfähigkeit (§ 17 InsO) und der Überschuldung (§ 19 InsO) sind normativ klar definiert, ihre Anwendung im konkreten Unternehmensalltag jedoch häufig prognoseabhängig und interpretationsbedürftig.

Geschäftsführer sind verpflichtet, bei Eintritt der Insolvenzreife unverzüglich zu handeln und innerhalb enger Fristen einen Insolvenzantrag zu stellen. Eine Fehleinschätzung – etwa bei der Liquiditätsprognose oder der Fortführungsannahme – kann rückwirkend zur persönlichen Haftung führen, selbst wenn sie unter erheblichem Entscheidungsdruck und auf Basis externer Beratung getroffen wurde.

Damit entsteht eine Situation, in der nicht der bewusste Rechtsbruch sanktioniert wird, sondern die Abweichung vom ex post festgestellten Idealverlauf.

Hinzu kommen weitere Haftungsfelder:

  • persönliche Verantwortung für nicht abgeführte Steuern und Sozialversicherungsbeiträge,
  • Organisationspflichten im Arbeits-, Umwelt- und Datenschutzrecht,
  • Haftungsrisiken trotz externer Beratung.

Das Ergebnis ist eine paradoxe Realität: Absolute Rechtssicherheit ist praktisch nicht erreichbar, die Verantwortung bleibt dennoch maximal konkret.

Die Makroebene: Entscheidungsmacht ohne persönliche Konsequenz

Ein völlig anderes Bild zeigt sich auf der politischen Ebene. Hier werden Entscheidungen getroffen, deren finanzielle Auswirkungen Dimensionen erreichen, die jedes unternehmerische Risikoszenario um Potenzen übersteigen. Haushaltsbeschlüsse, Förderprogramme oder industrie- und energiepolitische Weichenstellungen bewegen sich im Bereich von zweistelligen bis dreistelligen Milliardenbeträgen.

Fehlprognosen, Fehlanreize oder Fehlsteuerungen sind dabei kein moralisches Versagen, sondern systemisch unvermeidbar. Auffällig ist jedoch etwas anderes: Diese Entscheidungen sind vollständig entkoppelt von persönlicher Haftung.

Politische Verantwortung ist kollektiv, zeitlich begrenzt und rechtlich folgenlos. Weder existiert eine persönliche Vermögenshaftung, noch eine strafrechtliche Relevanz wirtschaftlicher Fehlentscheidungen – selbst dann nicht, wenn die volkswirtschaftlichen Schäden erheblich sind oder gar in die Billionen gehen, wenn Entscheidungsprozesse dauerhaft ohne persönliche Haftungsdimension organisiert sind. Die Konsequenzen tragen andere: Steuerzahler, Unternehmen, nachfolgende Generationen.

Dies ist keine Anklage, sondern eine nüchterne Beschreibung institutioneller Logik. Politik operiert unter anderen Bedingungen als unternehmerisches Handeln. Problematisch wird es dort, wo diese unterschiedlichen Logiken dauerhaft unverbunden nebeneinanderstehen.

Keine Verschwörung – sondern Konstruktion

Es wäre falsch, hierin eine geheime Absprache oder einen bewussten Machtmissbrauch zu sehen. Die beschriebene Asymmetrie scheint im Rahmen der Systemarchitektur auf den ersten Blick historisch und durch die Bürokratie unkorrigiert gewachsen zu sein.

Das Recht wirkt auf der Mikroebene präzise, individualisierend und sanktionsfähig. Politische Steuerung hingegen operiert auf der Makroebene abstrakt, kollektiv und entpersonalisiert.

Beides folgt einer Logik, die in ihrer Kombination ein Spannungsfeld erzeugt, das zunehmend instabil wirkt.

Die Folgen der Asymmetrie

Systeme leben von Akzeptanz. Akzeptanz wiederum entsteht dort, wo Menschen das Verhältnis von Einfluss, Verantwortung und Risiko als stimmig erleben. Genau hier beginnt die Erosion.

Wer dauerhaft haftet, ohne proportionalen Einfluss zu haben, empfindet Ohnmacht.
Wer dauerhaft entscheidet, ohne persönliche Konsequenzen zu tragen, verliert jedes Maß.

Diese Konstellation erzeugt selten offenen Widerstand. Sie erzeugt Rückzug, Zynismus und Distanz.

Der Kipppunkt

Gesellschaftliche Systeme kippen nicht an Argumenten. Sie kippen an Wahrnehmungen. In dem Moment, in dem viele gleichzeitig erkennen, dass Risiko, Verantwortung und Einfluss dauerhaft auseinanderfallen.

Was dann geschieht, folgt keiner juristischen Logik, sondern einer psychologischen. Systeme unterschätzen diesen Moment regelmäßig, weil er außerhalb ihrer Modelle liegt.

Schlussgedanke

Die hier beschriebene Asymmetrie ist kein Betriebsunfall. Sie ist das Ergebnis unterschiedlicher Systemlogiken, die über Jahre hinweg nicht aufeinander bezogen wurden.

Auf der einen Seite ein Rechtssystem, das individuelles Handeln präzise adressiert und persönliche Haftung konsequent durchsetzt. Auf der anderen Seite ein politisches Entscheidungssystem, das kollektive Verantwortung organisiert – und damit persönliche Konsequenzen strukturell ausschließt.

Diese Konstellation bleibt stabil, solange sie nicht bewusst wahrgenommen wird. Gefährlich wird sie in dem Moment, in dem viele gleichzeitig erkennen, dass Risiko, Verantwortung und Einfluss dauerhaft auseinanderfallen.

Gesellschaftliche Systeme scheitern selten an Gesetzen. Sie scheitern an der Akzeptanz.

Vertrauen wird damit zur knappen Ressource – und genau daran entscheidet sich die Stabilität des Systems.

Autor: Norbert W. Schätzlein, E-Mail: schaetzlein@siris-systeme.de  

Bildquelle: KI-Illustration erstellt mit ChatGPT, basierend auf einer konzeptionellen Idee des Autors.

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