Vor wenigen Tagen erschien unter www.personaler.de ein Beitrag von mir zum Thema Staffing, also der Mobbing-Variante, bei der die Schikane von den Mitarbeitern ausgeht und den Chef trifft.

Ein merkwürdiges Phänomen: geistiges Zusammenrotten  in trauter Feindbildideologie

Wenn sich Menschen – wie in einem der Beispiele auch aufgezeigt – zusammentun, um gegen jemand anderem – auch wenn das der Boss ist – zu hetzen, dann schwingt da immer ein dubioses und absurdes Element mit. Insbesondere wenn sich der Virus der Zwietracht erst einmal auf der Zeitachse verfestigt hat, prägt er die Kultur und ist für Fakten immer weniger zugänglich. Selbst wenn Belege und Beweise herangezogen werden, die das Bild vom Chef ändern sollten, erreicht das nicht mehr die Köpfe der Akteure. Warum ist das so? Warum findet man dieses bisweilen groteske Phänomen im Kleinen (in Unternehmen) und im Großen (in der Gesellschaft)? Hinzu kommt, dass es nicht am Bildungsabschluss zu liegen scheint. Gerade Akademiker scheinen sogar bei näherer Betrachtung besonders anfällig zu sein für ein geistiges Abschotten und für Blasenbildungen als gedachter Komfortzone.

Historische Beleg für Massenpsychosen

Hysterie (hohe emotionale Erregung) und Psychosen (verzerrte Wahrnehmung mit Realitätsverlust) sind uns aus der Geschichte hinlänglich bekannt und vertraut. Von einer schier unglaublichen Massenbewegung weiß das Hochmittelalter zu berichten. 1212 sammelten sich tausende von Kindern und Jugendlichen in Frankreich und Deutschland und brachen unbewaffnet auf zu einem Feldzug oder Pilgerfahrt (expeditio oder peregrinatio) ins Heilige Land. Dort kamen sie jedoch nie an. Wer unzureichend vorbereitet und verproviantiert auf dem Weg nicht vor Hunger und Kälte krepierte, fiel an der italienischen Mittelmeerküste sarazenischen Sklavenhändlern in die Hände und verschwand auf nimmer wiedersehen in Afrika. Zwar wissen wir, dass nach den Regeln der Primogenitur Spätgeborene einen schweren Stand hatten ein Auskommen zu finden, aber sich vom Virus des Kreuzzugsgedankens (Kinderkreuzzug) infizieren zu lassen und ins Ungewisse zu gehen, ist von besonderer psychischer Qualität und eben nicht ohne das religiös aufgeladene Phänomen der Massenpsychose zu denken. Wer nicht voller Hoffnung und Erlösungsglaube ist, macht eine solche „Heldenreise“ nicht.

Weitere Belege für seltsame Massenbewegungen finden sich bei dem Mythos Alexanders des Großen und viel später bei Napoleon, der Alexander nacheifern wollte und als Zerrbild endete. Besonders verheerend natürlich all jene Bewegungen, die zur Hexenverbrennung führten, incl. der Hexenprozesse von Salem in Neuengland. Welchen Mindset es braucht, um Tiere, wie z.B. Schweine vor Gericht zu stellen, ist bis heute ebenfalls noch ein Rätsel.

Wir kennen weiterhin die Begeisterung der Menschen unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Daneben wissen wir von der mittelalterlichen Tanzwut, der Tanganjika-Lachepidemie und in unserer Zeit der nicht enden wollenden Begeisterung für die Beatles (das Dauergekreische übertonte jedes Konzert der vier Pilzköpfe). Weitere Belege finden sich zur Trauer um Eva Perón, Josef Stalin oder Rudolph Valentino.

Der Wahn zum spirituell überhöhten, ja gar religiösen wird besonders augenfällig bei dem Sektenmassaker von Jonestown (1978) und dem Massensuizid der Sonnentempler in der Ostschweiz (1994). Aus der Reihe unserer Aufzählungen fällt sicherlich die Arjenyattah-Epidemie (1983) im Westjordanland, die als pathogenetisches Phänomen verstanden wird, also auf einer psychischen Störung mit Nocebo-Wirkung zurückgeht.

Voraussetzungen für Massenpsychosen

In jüngster Zeit hat sich der belgische Professor, Dr. Mattias Desmet, dem Phänomen der Massen-Psychose bei der Entstehung totalitärer Systeme angenommen und erstaunliche Ergebnisse ans Licht gebracht.

Seinen Studien zur Folge verengt sich beim Entstehen einer Massenpsychose bzw. -Hysterie das Bewusstsein bei einer Vielzahl von Menschen.

Begünstigende Faktoren sind hier:

1: Bindungslosigkeit und gesellschaftliche Isolation;

2: eine allgemeine Empfindung der Sinnlosigkeit (der Job verschafft ein gewisses Einkommen für’s Auskommen, wird aber ansonsten als sinnlos empfunden);

3: eine schwebende, sich kaum festzumachende Angst (free-floating anxiety) bemächtigt sich der Menschen;

4: ein hoher Stresslevel durch Überforderung und Unzufriedenheit (free-floating psychological discontent).

Die obigen 4 Kriterien als Voraussetzung für die Teilnahme an der Massenhysterie müssen nach meiner Einschätzung erweitert werden um eine weitere Voraussetzung, die anfällig macht für solcherlei Bewegungen, nämlich (4+1) eine unverarbeitete Traumatisierung.

Kaum jemand ist in unserer Gesellschaft nicht traumatisiert. Wird diese Traumatisierung aber nicht be- und aufgearbeitet, dann wird sie zum Schatten der Persönlichkeit und einer (unbewussten) psychischen Dauerbelastung, die bei gesetzten Triggern eruptiv hervorbricht.

Auf den passenden Nukleus kommt es an

Bietet sich einer solchermaßen prädisponierten Masse ein Kristallisationspunkt, an dem sie sich im gemeinsamen Interesse finden und solidarisieren kann, fließt die geballte Energie zur Abwehr der Gefahr in die vermeintliche Lösung. Es entsteht eine der Psyche wohltuende Bindung von sinnstiftender Höhe: alle gehen (jetzt) auf eine Heldenreise, die ein wenig Züge von den Gefechten eines Don Quijote trägt.

Der verengte Fokus generiert ein neues, einigendes Weltbild, dem man sich gänzlich hingeben und verschreiben kann. Die alltäglichen Belastungen und privat wie geschäftlich ungelösten Probleme treten (endlich) in den Hintergrund.

Fatal jedoch bei der hier ausbleibenden Reflexionsfähigkeit: der solchermaßen verblendete Mensch auf Heldenreise, ist nicht mehr erreichbar für relativierende Informationen und Fakten.

Alles, was nicht in das neue Weltbild hineinpasst, wird ausgeblendet, abgelehnt/negiert, zensiert und – falls subjektiv erforderlich – bestraft. Auf der einmal eingeschlagenen Heldenreise ist man radikal tolerant für die (eigenen) Leader und ebenso radikal intolerant für gegensätzliche Ansichten, Meinungen und Überzeugungen. (vgl. Konformitätsexperiment von Solomon Asch)

Wie geht’s aus?

Leider kann uns Mattias Desmet kaum Trost schenken. Der sprichwörtliche Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Die Tragödie nimmt ihren Lauf und endet immer im Kollaps. Oder, wie Heidegger mal in einem Spiegel-Interview gesagt hat: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Na, dann hoffen wir mal, dass uns aufgeklärten Menschen so etwas nie wieder passiert, oder vielleicht doch …?

Autor: Norbert W. Schätzlein, Kontakt zum Autor: schaetzlein@siris-systeme.de

Bildquelle: Pixabay

Kleine Auswahl an Literatur, die uns immun machen könnte vor Massenpsychosen:

Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Dahlke, Rüdiger: Die Schicksalsgesetze, Spielregeln fürs Leben

Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens

Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit

Hüther, Gerald: Etwas mehr Hirn, bitte

Kirchhoff, Jochen: Räume, Dimensionen, Weltmodelle

Kirchhoff, Jochen: Was die Erde will

Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen

Ruppert, Franz: Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft?

Schätzlein, Norbert: Kompass der Persönlichkeits- und Organisationsentwicklung

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