Kennen Sie das auch, sie kommen zu einer Betriebsbesichtigung, befinden sich in einem neuen, ihnen wenig vertrauten Umfeld und sind überwältigt von den Eindrücken?

Für die Flut der wahrgenommenen Impressionen braucht unser Verstand einen Moment des geistigen Verdauens. Das ist bei erhöhter Komplexität der Eindrücke ganz normal.

Anders hingegen, wenn wir in ein Umfeld kommen, wo wir in Resonanz mit unserem eigenen Know-how stehen. Hier kennen wir uns aus und das wenig Neue ist leicht zu- und einordenbar.

Wir sind hier in der bewussten Kompetenz und genießen bisweilen das Neue on top zu unserer eigenen Expertise. – Das Sehen und Wahrnehmen ist ein komplett anderes, je nach dem, wie vertraut uns die Dinge erscheinen.

Ich sehe was, was du nicht siehst, oder: richtig sehen, will gelernt sein

In der Schule des Sehens spielt Neugier, Wissensdurst und die Chance sich weiterzubilden eine gehörig große Rolle.

Je besser wir in einem Gebiet sind, desto souveräner gehen wir mit den Dingen (Verfahren/Prozesse) um. Ist jemand gar Experte auf seinem Fachgebiet schaltet der Verstand um auf Autopilot (unbewusste Kompetenz) und man weiß blind, wo man hingreifen muss. Das ist auch im Prinzip der Arbeitsmodus unseres Gehirns. Von Natur aus denkfaul, kommt es mit ca. 45 Bit (entsprechen 5 bis 6 Byte) pro Sekunde in der selektiven Aufnahme von Information klar und assoziiert/konstruiert den notwendigen Rest für Meinungsbildung und Weltbildaufbau dazu. Das entspricht einer enormen Datenreduktion von ursprünglich 109 Bits/sec an Informationen, die über unsere Sinnesorgane uns erreichen. Anders formuliert „ist die Informationsverarbeitungskapazität unseres Unbewussten um den Faktor 100.000 bis 1.000.000 größer als die Informationsverarbeitungskapazität des Bewusstseins“ (Manfred Spitzer).

Der Blick von außen kann befruchten / Betriebsblindheit ist der Normalfall

Diese reduktionistische und dennoch souveräne Kompetenz hat den Nachteil, dass man sich selbst genug ist, in der Wohlfühlzone des eigenen Erfolgs und die Welt drumherum für bisweilen unbeachtlich glaubt. Selbstgenügsamkeit oder gar Selbstgefälligkeit wird dann zur Falle. Hier profitieren Experten, wenn sie openminded sind, vom Kontakt mit der Außenwelt und damit anderen Sichtweisen, also von Personen aus anderen Fachgebieten.

Neues gebiert, wer es wagt an die Grenze des eigenen Denkraums zu gehen und sich vom interdisziplinären Gedankenaustausch inspirieren zu lassen. Dazu braucht es aber ein Quäntchen Demut und die Erkenntnis, dass es zwischen Himmel und Erde noch viel zu erkunden und zu verstehen gibt. Das erahnte schon ein Sokrates (469 – 399 v.Chr.), wenn er in einer Art bewusster Inkompetenz den vielzitierten Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“, prägte.

Aufmerksamkeit ist kostbar

Jede Werbung will sie und nur wenige bekommen sie: ihre Aufmerksamkeit. Rar wie sie nun mal ist, ist sie ein kostbares Gut, um das hart gerungen wird. Unter der Prämisse eines selektiven, subjektiven, bewusst und unbewusst erlernten Wahrnehmungsprozesses, wird klar, dass uns auch ständig etwas entgeht, was vielleicht auch entscheidend gewesen wäre für unseren Willensbildungsprozess. In meiner Ausbildung zum Bankkaufmann kann ich mich – auch wenn’s schon lange her ist – noch gut an den Leiter der Vermögensanlage erinnern, der nach jedem seiner Urlaube als erstes einen Stapel Börsenzeitungen, die FAZ und was weiß ich noch alles nachlas, weil ihm die Sorge leitete, irgendetwas übersehen zu können, was des Wissens wert sein könnte. Was aber in diesen Medien nicht geschrieben stand, entging auch ihm. Wir kommen nicht darum herum zu konstatieren, dass wir bisweilen gar nicht wissen, was wir alles nicht wissen; ein Fall für die unbewusste Inkompetenz.

Rainer Mausfeld bringt es in einem seiner Vorträge auf den Punkt: „Wissen ist etwas und Nichtwissen ist etwas sehr Schwieriges. Wir wissen natürlich ganz viel nicht.“ Damit kommen wir klar, soweit wir dessen bewusst sind. „Etwas nicht zu wissen und zugleich zu wissen, dass man etwas nicht weiß, ist nicht so schlimm, als etwas nicht zu wissen und gar nicht zu wissen, dass es etwas zu wissen gibt. – Das ist die schlimmste Situation der Ohnmacht.“

Wem die unbewusste Kompetenz (Autopilot) als erstrebenswert erscheint, dem hilft ein Cocktail aus:

Theorie, Interesse/Leidenschaft, hands-on-Mentalität, Empathie, Unvoreingenommenheit, Erfahrung (braucht Zeit) und Intuition (Bauchgefühl)

Autor: Norbert W. Schätzlein, PE-/OE-Spezialist

Bildquelle-Komposition:

Matrix Stream: Pixabay (von Jae Rue)

Auge: Pixabay (von Daniel Hannah)

PS: Fragen Sie sich auch manchmal, wofür Theorien eigentlich gut sind? Und sind wir nicht auch oft schnell mit der Etikettierung bei der Hand, „ach ja, der/die theoretisiert nur“.

Bei näherem Hinsehen leistet Theorie unschätzbare Dienste, mehr noch, sie ist die Voraussetzung für jedes größere Projekt, wie z.B. beim Bau eines Hauses. Ein Architekt legt keinen Stein auf den anderen. Sein Metier ist es mit dem Bauherren die Vorstellungen entlang des Budgets zu besprechen und dann planerisch umzusetzen. Am Anfang steht das Haus nur auf dem Papier und ist pure Theorie. Schätzen wir den Architekten dafür gering, dass er eigentlich nur theoretisiert und selbst nicht Hand anlegt etwas physisch aufzubauen? Die Frage ist gewiss rein rhetorisch, zeigt uns aber, dass am Anfang von etwas Großem immer eine Idee, die Ausarbeitung zum Konzept und die planerische bzw. projekttechnische Umsetzung steht. Theorie ist damit nicht alles, aber ohne Theorie steht alles auf tönernen Füßen.

PPS:

Actionfilm/Zitateausschnitt: Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit, mit Denzel Washington (Agent Carlin, AC) in der Hauptrolle

AC: Wonach suchen wir denn?

FBI-Spezialeinheit: Nach Hinweisen, Verdächtigen, alles, was uns nicht normal erscheint. (…)

Ist ne brandneue Software; heißt Schneewittchen.

Unsere Basisdaten kommen von sieben Satelliten. (…)

Es ist als hätte man viele Augenzeugen, die alle wo anders gestanden haben. (…)

Das entscheidende ist, wir können uns alles nur ein einziges Mal ansehen und danach nie wieder. Wir können nicht zurückspulen. (…)

Sie sollen uns sagen, wo wir hinsehen sollen, sonst können wir’s verpassen (Anm.: das spezifische Ereignis) …

Wir wissen nicht, wo wir hinsehen sollen.

Also Agent Carlin, wohin? (…)

AC: (Anm.: gibt ein Ziel an)

FBI: o.k., verblüffen Sie mich.

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