Was ist eigentlich Kompetenz? – Wir können uns auch die Antwort auf diese Frage von der Gegenseite erschließen, also von der Inkompetenz aus. Die spürt man eigentlich ziemlich schnell. Wenn jemand keine Ahnung hat, dann fällt das früher oder später auf. Wohlgemerkt kann man da auch noch etwas kaschieren über Charmeoffensiven, ein übersteigertes Selbstbewusstsein und einen Grad von Anmaßung, der andere überrumpeln kann.

Der Antipode Kompetenz muss also etwas mit Wissen zu tun haben. Wissen allein genügt aber nicht. Ein mit Wissen vollgepumpter Theoretiker ohne Praxis nützt wenig, er ist mit der Folgeneinschätzung seines Handelns zu wenig vertraut. Was wir benötigen ist die Paarung von Wissen und Kompetenz, die wir als Formel wie folgt ausdrücken können:

Kompetenz = Wissen x Erfahrung

Um mit der Formel arbeiten zu können, setzen wir 1 für den Best Case an, also optimales Wissen oder hinreichend große Erfahrung. Wir erhalten dann 1 x 1 = 1. Und mit dem Maximum von 1 (gesetzte Prämisse) kommen wir gut klar.

Mal angenommen wir haben einen Sozialarbeiter (m/w), der gut ausgebildet ist, aber nur wenige Jahre Berufserfahrung gewonnen hat. Hier könnten wir sagen, bei Steigerungspotenzial im Wissen und mehr noch bei der Erfahrung, dass wir mit 0,8 Wissen und 0,65 Erfahrung ein Produkt von 0,52 erhalten. Das liegt haarscharf oberhalb einer gewünschten Minimums von 0,5, das wir benötigen, um annehmen zu können, dass hier – der Effizienz vorgelagert – kluge Entscheidungen (Effektivität) getroffen werden.

Wir würden also behaupten können, dass man diesen Sozialarbeiter auf die Menschheit loslassen kann.

Dieser Sozialarbeiter ist nun aber sehr ehrgeizig, schließt sich erfolgreich einer Partei an und kommt auf die Idee Verkehrsminister werden zu wollen, weil er sich sagt, dass fehlende Kompetenz kein Hinterungsgrund sein dürfe. Was bringt er mit an realer Kompetenz? Nun, er bewegt sich schon heute souverän als Verkehrsteilnehmer ohne eigenen PKW im Straßenverkehr, kennt die Straßenverkehrsordnung wie Du und ich leidlich und hat damit eine gewisse Kompetenz. Als Verkehrsminister braucht es natürlich weit mehr, darüber sind wir uns wohl alle im Klaren. Gemessen am Kompetenz-Anforderungsprofil kommt er sagen wir auf 0,4 Wissen und 0,3 Erfahrung und liegt damit bei nur 0,12 Einheiten Kompetenz. Upps, das ist aber deutlich zu wenig.

Auf der Homepageseite der Uni Gießen findet sich der folgende wichtige Satz: Dummheit zeigt sich daran, wie man über die Welt redet und wie man die Welt interpretiert – insofern ist sie ein diskursives Problem.

Unser frisch gebackener Verkehrsminister ist auch clever und sagt sich, dass es da in der Republik noch andere Minister gibt mit den gleichen Herausforderungen und ruft eine Telefonkonferenz ein. Jetzt – nur mal so rein angenommen – telefonieren 16 Personen miteinander, die alle auf dem gleichen Niveau sind. Bei so viel Personen – und einigen darunter, die schon etwas Erfahrung gesammelt haben – muss sich ja wohl unsere Kompetenzrechnung signifikant ändern. Schauen wir mal, dann sehen wir schon, hat Beckenbauer gesagt und rechnen neu mit jetzt einem erhöhten Wert für Erfahrung von 0,8:

16 x 0,5 x 0,8 = 6,4

Aufgemerkt, da sich die Basis geändert hat, ist nicht mehr 1 das Optimum, sondern 16. Mit 6,4 liegen wir also bei einer nur 40 %-Kompetenz. Viel zu wenig, um in Summe kluge Entscheidungen treffen zu können.

Damn it! – Was können wir jetzt tun? Bitte nicht vergessen, wir haben es ja mit durchaus cleveren Leuten zu tun, die sich in dieser scheinbar aussichtslosen Situation zu helfen wissen. Sie engagieren jetzt einen Spezialisten. Ein Spezialist ist jemand, der im Minimum einen Doktortitel trägt, besser wäre Professor, und von immer weniger immer mehr weiß. Wo kriegen wir den her? – Na, da bietet sich eine Rechtsanwaltskanzlei oder ein Thinktank an. – Hm, leider keine gute Idee, aber so ist das halt mit der Dummheit, die sich kraft ihrer selbst nicht erkennt. Wir nehmen jetzt also einen habilitierten Spezialisten an Bord und zahlen ihm einen Tagessatz von 7.500 Euro zzgl. Spesen und Auslagen. – Wird’s jetzt besser?

Tja, die Kompetenz geht nach oben und die Erfahrung auch, aber in unserem Beispielfall verfolgt der Typ ganz andere Interessen als die Gesellschaft braucht. Es gibt hier also eine Agenda hinter der Agenda, nämlich die Durchgriffswirkung der Lobbyisten, die ihr eigenes Ding zum Fliegen bringen wollen. Das wissen aber unsere Beispielpolitiker im Zweifel nicht, die – dem Los der Inkompetenz geschuldet – alles glauben müssen, wenn man selbst nichts weiß. Dumm g’laufen.

Dem Spezialisten müssen wir nun – notgedrungen – in unserer Berechnung ein Vorzeichen verpassen bei Erfahrung, denn er arbeitet ja gegen unsere Interessen für ein anderes Ziel. Wir kommen damit auf folgende neue Formel:

(16 + 1 x 1) x -1 = 17 (die 100 %-Basis ist jetzt 17)

Die Welt wäre ganz o.k., wenn nicht dieses Vorzeichen wäre. Es kommt also entschieden darauf an, wen man als Berater in den Diskurs mit einbezieht.

Na, hoffen wir mal, dass so etwas wie hier beispielhaft geschildert in der Realität nie und nimmer passieren würde, oder?!

Disclaimer:

Die Personen und die Handlung dieser Glosse sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

zeitfenster.com-Autor: Norbert W. Schätzlein

Bildnachweis: Pixabay (von Gerd Altmann) ergänzt um den „Kompetenz“-Begriff

PS: bei dem hier gewählten Kompetenzbegriff geht es um die selbsterworbene und nicht die durch Organisationen verliehene Kompetenz

PPS: ich hätte da noch einen Vorschlag für das Unwort des Jahres: Osterruhe

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