Allgegenwärtig ist das Ansinnen, anderen sagen zu wollen, dass sie ihr Leben zu ändern hätten. Es ist die Krankheit des 21. Jahrhunderts sich moralisch zu überhöhen und im Gutmenschtum zu gefallen, ohne Beweis der Authentizität.

– Den Kultusministerien sind die Schüler nicht gut genug, weshalb sie mit Zensuren konditioniert werden müssen.

– Den Politikern sind die Nichtgeimpften nicht gut genug, weshalb man ihnen die Freiheiten und die unveräußerlichen Grundrechte entziehen muss.

– Den selbsternannten Eliten sind die Menschen im Allgemeinen nicht gut genug, weshalb sie transhumanistisch verbessert werden müssen.

– Dem Klaus ist die Menschheitsfamilie als Ganzes nicht gut genug, weshalb er den Great Reset einfordert.

– Der Kirche sind wir als geborene Sünder nicht busfertig genug, weshalb wir Demut zu zeigen haben.

– Und dann gibt’s da noch eine Partei, die all ihre früheren Ideale abgeschüttelt hat und nun meint allen Wählern und Nichtwählern sagen, pardon vorschreiben zu wollen, was sie zu denken und wie sie sich zu verhalten haben. – Wer sich hier als Partei angesprochen fühlt, der ist im Übrigen auch gemeint!

Es ist aber auch ein Elend mit diesen Menschen, die sogar nicht in das Bild anderer zu passen scheinen. Irgendwie können wir es uns wechselseitig nicht recht machen.

In Zeiten der Orientierungssuche lohnt sich Erich Fromm zu konsultieren. Auch er hat einst von einem neuen Menschen in einer neuen Gesellschaft gesprochen. Das ist zwar schon 46 Jahre her, aber so aktuell wie ehedem.

Wesensmerkmale und Selbstverständnis des neuen Menschen in einer neuen Gesellschaft:

1. Beim neuen Menschen muss die Solidarität den Egoismus ersetzen. (Anm.: Egoismus ist nicht angeboren und folglich kann sich auch kein Wirtschaftssystem naturgegeben darauf berufen.)

2. Aktivität statt Passivität.

Aktivität im klassischen, humanistischen Sinne verstanden, als innere Lebendigkeit und nicht als Geschäftigkeit oder wie man auf Englisch sagen würde: Business.

3. Fähigkeit zum enthüllenden, kritischen Denken. Das heißt, dass der Mensch zum enttäuschten und damit selbständigen Menschen wird.

3.1 Unabhängigkeit anstelle der herrschenden, verhüllten Abhängigkeit.

3.2 Überwindung der Entfremdung, neue Beziehung zur Natur, nämlich Bezogenheit statt Eroberung und Zerstörung. SEIN statt HABEN.

4. Erstes Prinzip der neuen Gesellschaft muss es sein, dass sie durch ihre Struktur- und Funktionsweise die Entwicklung des neuen Menschen ermöglicht und begünstigt.

Der Mensch wird restituiert (Anm.: wiederhergestellt) als Maß aller Dinge. Was er für den größten Teil der Geschichte war, heute aber nicht mehr ist.

4.1 Die Produktion wird nicht vom Profitprinzip her bestimmt, sondern von dem Interesse an der Befriedigung echter und wesentlicher, menschlicher Bedürfnisse. Das heißt, keine Produktion von Gütern, die den Menschen passiver machen, kein Luxus, keine Massensuggestion durch Reklame und andere Formen der Manipulation der Bedürfnisse und der Wünsche.

5. Fromm fordert im Weiteren die Subsidiarität innerhalb von Basisgruppen ein, was einem zutiefst demokratischen Ansatz entspricht und wonach alle Aufgaben von öffentlicher bzw. gesellschaftlicher Bedeutung auf der kleinsten zuständigen Einheit, d.h. auf Familien- oder Gemeindeebene zu übernehmen und zu entscheiden sind. Voraussetzung für Subsidiarität ist regelmäßig ein gewisses Maß an Informiertheit und Engagement für das öffentliche, gesellschaftliche Leben. Ein Konsumentenverständnis von Demokratie bzw. eine Abgabe der eigenen Stimme an Repräsentanten passt hingegen nicht ins Bild gelebter Subsidiarität.

Mit der Forderung Professor Fromms nach der vollständigen Entwicklung des Menschen entlang seines Potenzials zeigt ihn als Lichtgestalt und wahren Humanisten unserer Zeit. Ergänzen wir seine Aussagen um die Statements Dr. Rudolf Steiners zur sozialen Dreigliederung sind wir so nah am Menschen wie noch nie zu vor.

Autor: Norbert W. Schätzlein, 16.05.2021

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Quellen:

Erich Fromm: Entwürfe für eine Gesellschaft von morgen

Podiums-Diskussion beim Symposium anlässlich des 75. Geburtstag von Erich Fromm im Mai 1975 im Sala dei Congressi in Locarno-Muralto. Gesprächsteilnehmer: Erich Fromm, Gerd Bucerius, Mihailo Marković, Robert Jungk; Moderation Paul Schlecht; Pro-duktion des Südwestfunks Baden-Baden 1975; color; Dauer: 42,44

„Subsidiarität bedeutet, dass öffentliche Aufgaben möglichst bürgernah geregelt werden sollen. Probleme sollen auf der niedrigsten politischen Ebene gelöst werden. In Deutschland sind das die Kommunen, dann die Bundesländer. Erst wenn ein bestimmtes Problem dort nicht gelöst werden kann, wird die Regelungskompetenz nach „oben“ abgegeben. Für das Verhältnis der Nationalstaaten zur Europäischen Union heißt das: Die EU soll sich nur um Dinge kümmern, die sie besser regeln kann als die Mitgliedsländer.

In Artikel 5 des EU-Vertrages heißt es: „Für die Ausübung der Zuständigkeiten der Union gelten die Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit.“ Das Subsidiaritätsprinzip dient nicht nur der Erhaltung der Eigenständigkeit der EU-Staaten. Es hilft auch, eine wachsende Bürokratie zu verhindern.

In einem Protokoll zu den Europäischen Verträgen sind die Grundsätze zur Anwendung der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit im einzelnen geregelt. Die Europäische Kommission muss bei jeder Gesetzesinitiative nachweisen, dass sie die jeweilige Aufgabe besser lösen kann als die Regionen oder die Mitgliedstaaten. Damit das Handeln der EU gerechtfertigt ist, müssen begründet werden, dass die Ziele der Maßnahme auf Unionseben besser erreicht werden können.

Mit dem Vertrag von Lissabon wurden diese bereits länger geltenden Bestimmungen ausgeweitet, in dem er den nationalen Parlamenten weitere Kontrollrechte gibt. Die EU-Kommission muss den Parlamenten Gesetzesvorhaben vorab zur Begutachtung vorlegen. Die Parlamente können dann die Kommission auffordern, das Vorhaben zu überprüfen oder fallen zu lassen. Auch erhalten sie das Recht zur Klage beim Europäischen Gerichtshof, wenn sie der Meinung sind, das Subsidiaritätsprinzip sei verletzt.“

Stand: Juli 2013

Quelle: https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/subsidiaritaet-615742

Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehender Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurzunter der Schultern durchsichtigem Sturz und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

PS:

Fromm in die Nähe von Dutschke und dem Sozialismus zu rücken, wie es bisweilen in den Kommentaren unterhalb der YouTube-Videos beobachtet werden kann, ist grober Unfug und zeigt nur, dass diese Leute Fromm nicht gelesen haben. Fromm hat (leider) nie in der breiten Masse Gehör gefunden – dazu war er vielleicht nicht aufdringlich und marktschreierisch genug – Dutschke hingegen hat sich postum durchgesetzt und uns das politisch-gesellschaftliche Desaster beim Gang durch die Institutionen beschert, das es heute auszubaden gilt.

PPS:

Erich Fromm zur Frage, was Aktivität bedeutet:

Bedeutet Aktivität der freie, spontane Ausdruck, der in uns wohnenden Seelenkräfte, nämlich Vernunft, Gefühl, die Empfänglichkeit für Schönheit. Aktivität bedeutet, dass in uns etwas geboren wird, das aus uns selbst kommt, das uns nicht aufgezwungen ist, das aus der schöpferischen Kraft stammt, die uns allen innewohnt.

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